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Die Engel

13.12.2020

Weihnachten im Dorf: Die Weihnachts-Geschichte mal anders.

In Wildenbruch und Michendorf hängen seit dem dritten Adventswochenende Plakate, auf denen wichtige Personen der Weihnachtsgeschichte zu sehen sind. Maria und Josef sind unterwegs, ebenso der Hirte und die drei Weissinnen. Wir möchten die wundervolle Weihnachtsgeschichte im Dorf sichtbar und hier auf der Website nachvollziehbar machen. Es gibt dafür drei Möglichkeiten:
1. Ganz kurz für Eilige
2. Etwas Biblisches
3. Was kann das für Dich bedeuten?

Ganz kurz für Eilige:

Gott liebt Dich! Das Kind ist geboren! Fürchte Dich nicht! Engel verändern Dein Leben!

Etwas Biblisches:

„Vom Himmel hoch, da komm ich her, ich bring euch gute neue Mär, der guten Mär bring ich so viel, davon ich sing und sagen will.“ So bearbeitet der Reformator Martin Luther das Ereignis, auf dass das Engelplakat Bezug nimmt. Die Engel erscheinen den Hirten auf dem Feld und verkündigen ihnen die frohe Botschaft, dass Gott Mensch geworden ist, Jesus in Bethlehem geboren ist.

Die Weihnachtsgeschichte würde ohne Engel überhaupt nicht funktionieren. Engel sind sozusagen die Vermittler zwischen Gott und den Menschen. Wenn Engel in Erscheinung treten, dann wird die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits durchlässig und Menschen kommen mit Gott in Berührung.

Dies geschieht nicht nur in der Weihnachtsgeschichte. Schon in der hebräischen Bibel (Altes Testament) begegnen uns Engel an prominenter Stelle. Das hebräische Wort für Engel ist: Maleach, was man am besten mit „Bote“ übersetzt. In der hebräischen Bibel lässt zum Beispiel Salomo Cherubim (eine besondere Form der Engel) neben dem Allerheiligsten im Tempel aufstellen, der Prophet Jesaja sieht Engel bei seiner Berufungsvision um Gott schweben. Im Buch des Propheten Sachaja deutet ein Engel für den Propheten nächtliche Visionen, die er allein nicht verstanden hätte. Und auch die drei Männer, die Abraham am Hain Mamre erscheinen und die Geburt seines Sohnes Isaak ansagen, werden immer wieder als Engel gedeutet.

Engel sagen Botschaften von Gott weiter.

In der Weihnachtsgeschichte begegnet uns ein Engel, der auch einen Namen hat. Er heißt Gabriel. Der Name ist auch schon Programm. Gabriel bedeutet: Gott ist mein Herr/meine Kraft. Der Engel ist also der, der Menschen nicht nur mit dem Willen Gottes in Berührung bringt, sondern ihnen auch die Kraft gibt, diesen Willen in ihrem Leben in die Tat umzusetzen.

In der Weihnachtsgeschichte nach Lukas ist Gabriel an extrem wichtigen Schnittstellen wirksam. Er ist der, der Maria für das Austragen des göttlichen Kindes Jesus gewinnt (mehr unter Maria und Joseph). Er erscheint den Hirten auf dem Feld und verkündet ihnen die Geburt des Heillandes Jesus. Die Gute Nachricht – das Evangelium. Schon in diesem Wort „Evangelium“ ist der Engel mit gesagt. Denn Engel heißt auf Griechisch, der Sprache des Neuen Testamentes, angelos – aggeloV mit der Vorsilbe Eu- griechisch für „Gut“ wird daraus das Evangelium, die gute Engels Botschaft. Eine ganze Literaturgattung bekommt also von den Engeln ihren Namen. In der biblischen Weihnachtsgeschichte haben also die Engel– der Engel Gabriel - eine ganz herausragende Stellung.  

Nun stellt sich noch die Frage: Wie können wir uns Engel eigentlich vorstellen? Wie sehen Engel eigentlich aus?

Bei der Erstellung unserer Plakate haben wir viel Zeit und Diskussion auf diese Frage verwandt. Wir sind zu der Erkenntnis gekommen, dass wir es schlicht nicht wissen. Deshalb haben wir uns für eine symbolische Darstellung entschieden. Ein Licht, ein heller Schein – eine lichte Erscheinung in der Finsternis der Nacht, die die Hirten auf dem Feld umfangen hatte. Wir haben uns dabei zum einen am Bilderverbot der Bibel orientiert, das uns sagt, dass wir uns kein Bild von Gott und seinen Engeln machen sollen und zum anderen auch an der biblischen Botschaft der Weihnachtsgeschichte selbst. Denn nach der Verkündung durch Gabriel erscheint um 7 mit ihm die himmlische Herrlichkeit aus der das große Gloria, der große Lobgesang auf Gott erklingt.

Ehre sei Gott in der Höhe
und Friede auf Erden,
bei den Menschen seines Wohlgefallens/
bei den Menschen wohlgefälliger Erscheinung.

Bei unserer Erscheinung für die lichte, nichtpersonalisierte Darstellung der Engel haben wir uns auch von diesem Motiv leiten lassen. Hier insbesondere von dem Wort „Ehre sei Gott in der Höhe!“. Das Wort „Ehre“ übersetzt hier das griechiche Wort Doxa -  Doxa wird hier nur in einem ganz kleinen Teilaspekt wirklich übersetzt. Doxa beschreibt im Griechischen die lichte Herrlichkeit, den Glanz eines weltlichen orientalischen Königs oder Kaisers. Die lateinische Übersetzung lautet „Gloria“. Hier ist an den Glanz zu denken, wenn sich ein Herrscher in seiner Macht mit „Glanz und Gloria“ inszeniert. Dieser Schein hat etwas sehr Leichtes, Schwirrendes, wie etwas ganz Wichtiges und Gewichtiges in sich.

Die Hirten auf dem Feld sehen in der Verkündigung der Engel die Doxa Gottes aufleuchten. Sie werden durch die Botschaft der Engel aus dem Himmel davon informiert, dass die Doxa / Herrlichkeit / Glanz und Gloria nun Mensch geworden ist, den man in einer Krippe in Bethlehem sehen kann.  

Glauben Sie mir bitte, dass ich seit mittlerweile vierzig Jahren darum ringe, die Erscheinung der Doxa in der Weihnachtsgeschichte zu erfassen und Worte aus dem Himmel zu pflücken, um diese Herrlichkeit weiterzusagen – im Grunde ist Predigen nichts anderes – und nicht nur an Weihnachten. Mal geling es, mal nicht. In einem Gedicht von Friedrich Hebbel finde ich eine Form, die dem, wie sich Doxa / Herrlichkeit / Gloria sagen lässt, ziemlich nah kommt. Dieses Gedicht geht so:

Die Weihe der Nacht
Nächtliche Stille!
Heilige Fülle,
Wie von göttlichem Segen schwer,
Säuselt aus ewiger Ferne daher. 

Was da lebte,
Was aus engem Kreise
Auf ins Weite strebte,
Sanft und Leise
Sank es in sich selbst zurück
Und quillt auf in unbewußtem Glück. 

Und von allen Sternen nieder
Strömt ein wunderbarer Segen,
Daß die müden Kräfte wider
Sich zu neuer Frische regen
Und aus seinen Finsternissen
Tritt der Herr, soweit er kann
Und die Fäden, die zerrissen,
Knüpft er alle wieder an.

Was kann das für Dich bedeuten?

Der Himmel kann sich für Dich öffnen. Gott lässt sich durch seine Engel schauen. Sie können uns trösten, wenn wir traurig sind, beschützen,wenn wir es brauchen, sie können uns stärken, wenn wir einmal schwach sind, sie können uns Halt geben, wenn in unserem Leben einmal etwas ins Rutschen kommt. Kurz: Sie verbinden uns mit der Unendlichkeit Gottes, mit seiner unendlichenLiebe.

Nun sagst Du vielleicht: Das ist Blödsinn. In meiner Welt gibt es keine Engel. Schon gar keine, die mir eine gute Botschaft sagen. Das mag tatsächlich jetzt so sein. Und doch sind sie da, sogar viel häufiger, als Du denkst. Nur nehmen wir Menschen sie nicht wahr, weil der Fokus unseres Bewusstseins im, ich nenne das mal Alltagsmodus, ganz einfach auf anderen Dingen liegt. Eben auf dem Alltag.

Was ich damit meine, möchte ich Dir mit einem kleinen Beispiel erklären. Unser Bewusstsein funktioniert nämlich so, dass wir in unserem alltäglichen Leben meistens wirklich gut funktionieren. Wenn Du also eine Sachbearbeiterin in einer Firma bist, dann schaltet Dein Bewusstsein aufdem Weg ins Büro in den Sachbearbeiterinnen-Modus und Du funktionierst, weil Du Dich auf die Sachen konzentrierst, die da wichtig sind. Wenn Du dann auch noch Mutter bist, dann wechselst Du auf dem Weg nach Hause in den Mutter-Modus. Dazukommt noch Ehefrau oder Freundin, Sportlerin usw. – (das Beispiel passt auch für Männer).

Wir können mit unserem Verstand immer nur eine Sache auf demhöchsten Focuslevel haben (und selbst das ist manchmal schwierig ;)) – wir funktionieren nicht Multitasking – das ist leider eine Legende.

Wir können uns unser Bewusstsein wie ein weites Feld vorstellen. Auf dem Feld sind alle möglichen Bewusstseinsinhalte, die immer ganz unterschwellig mitlaufen. Wenn Du im Büro sitzt, bleibst Du Mutter und Ehefrau und Tochter von Eltern und Freundin deiner Freundin und Mitglied in Deinem Sportteam – das ist dann nur nicht im Fokus. Diesen Fokus können wir uns wie einen Hügel auf dem Bewusstseinsfeld vorstellen. Je höher der Hügel, desto intensiver der Fokus, desto geschärfter die Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. Das ist in unserem Bewusstsein ziemlich gut eingerichtet. Dumm ist nur, dass es auch Bewusstseinsinhalte geben könnte, die da sind, die es aber nie schaffen,auf den Aufmerksamkeitshügel zu kommen, das heißt von mir überhaupt wahrgenommenzu werden. Dann laufen diese Inhalte, die da sind und in meinem Bewusstsein sein könnten, an mir vorbei. Im Fall der Engelerscheinungen wäre das Jammerschade.

Ich möchte Dir das noch mit einem kleinen Beispiel aus meinem Leben verdeutlichen, das Du vielleicht auch schon so oder ähnlich erlebt hast, das Dir bewusst geworden ist. Als ich 22 Jahre alt war, reiste ich in den großen Ferien nach England zum achtwöchigen Sprachstudium. Das war, als WM in England war (Maradona, die Hand Gottes usf. Schade, dass sein Leben so tragisch weiterging.). England, genau gesagt Cheltenham, war total schön und aufregend. Nach zwei Wochen telefonierte ich mit meiner Freundin und sie sagte mir, dass sie einen Schwangerschaftstest gemacht habe und dieser positiv ausgefallen sei. Ich schwöre Dir, von diesem Tag an sah ich in Cheltenham an jeder Ecke entweder eine schwangere Frau oder eine Frau mit Kinderwagen oder eine Familie mit schwangerer Frau und Kinderwagen – plötzlich war ganz England voller Menschen, die etwas mit „Kind bekommen oder haben“ zu tun hatten. Und natürlich hatten sich die Straßenbilder in Cheltenham überhaupt nicht verändert. Aber das Thema war in meinem Bewusstsein ganz weitnach oben auf dem Fokushügel gekommen. Mein Bewusstsein hatte sich neukalibriert. 

In religiöser Sprache nennt man diesen Prozess „Achtsamsein“ oder „Achtsam werden“. In meinem Bild mit dem Fokus-Hügel bedeutet das, den Niederungen des Alltagsbewusstseins die Chance zu geben, einen vielleicht erst nur kleinen Hügel zu bekommen.  

Und wenn das mal passiert, dann werden Engel, die immer schon da waren, auf einmal Teil meiner Welt. Vielleicht erst mal nicht so beeindruckend, wie es die Hirten auf dem Feld erlebt haben. Die hatten ja sozusagen gar keine Chance, die Engel am Himmel zu übersehen. Aber so viel Glanz und Gloria muss ja vielleicht auch gar nicht sein.  

Manchmal flüstern die Engel nur oder sie zwinkernd Dir zu,manchmal halten sie dir die Tür unverhofft auf, manchmal zaubern sie ein Lichtin die Welt, manchmal singen sie Dir aus dem Radio oder in der U-Bahn etwas vor, manchmal tragen sie eine lustige Maske, manchmal blitzen sie auf einer Tannenbaumkugel auf, manchmal… 

Ich denke, nun wird auch nochmal klar, weshalb wir im Grunde nur einen gelben Lichtschein auf unserem Engelsplakat gedruckt haben. Das weitet den Raum für Deine Engel, die schon längst darauf warten, dass Du sie entdeckst.

Pfarrer Michael Dürschlag

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